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Zwangsheirat in Deutschland

Lesung und Podiumsdiskussion - 3. September 2012

Freiheit ist ein Geschenk, das jeden Tag neu verteidigt werden muss.
Sabatina James


Es sind erschreckende Zahlen: Rund 3.500 Fälle von Zwangsverheiratungen registrierten die Beratungsstellen in Deutschland zuletzt im Jahr 2008. Davon waren ca. 3.000 Frauen betroffen, 30 % von ihnen waren unter 18 Jahren. Die Dunkelziffer lässt sich nicht einschätzen. Fast alle Betroffenen haben einen Migrationshintergrund; 32 Prozent davon sind in Deutschland geboren; 44 Prozent besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Der Zusammenhang zwischen Zwangsverheiratung und Gewalt in den Familien ist erschreckend: mehr als die Hälfte der Betroffenen war zuvor körperlichen Angriffen ausgesetzt. Die Selbstmordrate unter zwangsverheirateten Mädchen ist doppelt so hoch wie im Normalschnitt.

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Zwangsheirat – auch für Zonta ein politisch aktuelles Thema im Kampf für die Selbstbestimmung der Frau. Und so hatten die beiden Zonta Clubs Frankfurt II Rhein-Main und Bad Soden-Kronberg am 3. September 2012 gemeinsam in die Deutsche Nationalbibliothek eingeladen zu einer Lesung mit Sabatina James und einer anschließenden Podiumsdiskussion. Schirmherr war der hessische Sozialminister Stefan Grüttner.

Sabatina ist eine mutige Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie hat ihre persönlichen Erfahrungen in mehreren Büchern verarbeitet und in zahlreichen Vorträgen dargestellt. Hinzu kommen zahlreiche mediale Auftritte. In New York referierte sie auf der ersten Konferenz des FBI über „Verbrechen im Namen der Ehre“, sprach im März dieses Jahres dort als Pionierin für Menschenrechte vor 3000 Zuhörern im Lincoln Center und eröffnete am diesjährigen Weltfrauentag zusammen mit Madeleine Albright und Angelina Jolie die große Konferenz „Women of the World“.

Nach der Begrüßung der rund 250 Gäste durch Ute Schwens, die Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek, heißt Renate von Köller als Präsidentin unseres Zonta Clubs Frankfurt II Rhein-Main die Gäste willkommen und stellt Zonta International als weltweite Serviceorganisation vor. Es folgen sehr persönliche Grußworte der Frankfurter Oberbürgermeisterin a. D. Dr. Petra Roth, die schon seit Jahren Ehrenmitglied im Zonta Club Frankfurt ist. „Wir müssen miteinander lernen, aber vor allem auch voneinander.“ Sie kennt die Probleme einer multikulturellen Stadt wie keine andere. Abschließend stellt die Präsidentin des Zonta Clubs Bad Soden-Kronberg Fiona Ruff einige internationale und nationale Zonta-Hilfs- und Förderprogamme vor, bevor Sabatina ausgewählte Passagen aus ihrem aktuellen Buch „Nur die Wahrheit macht uns frei“ liest. Sie schildert darin ihr eigenes Schicksal, aber auch Erlebnisse Dritter, die auf Unterlagen, Erinnerungen der Beteiligten und Gesprächen mit Betroffenen basieren. Von Amina zum Beispiel, die von ihrem Vater aus Deutschland in den Libanon verschleppt und dort mehrmals zur Abtreibung gezwungen wurde, weil sie noch minderjährig war. Ihr gelang irgendwann die Flucht zurück nach Köln. Geholfen hatte ihr dabei Sabatina. „Ich bin in beiden Kulturen zu Hause, in der westlichen und in der muslimischen. Ich weiß, was es bedeutet, in Pakistan zu leben, was es bedeutet, als pakistanische Frau im Westen zu leben, und was es bedeutet, sich zu integrieren.“ Tagtäglich werden Frauen von ihren Familien zur Ehe gezwungen – und das nicht nur in der arabischen Welt, sondern mitten in Europa, mitten in den Parallelgesellschaften der in Deutschland lebenden Muslime.

Nach dieser emotionalen „Einstimmung“ in die Thematik beginnt die Podiumsdiskussion, die von dem schon seit 1995 für das ZDF arbeitenden Journalisten und Politikwissenschaftler Kamran Safiarian moderiert wird. In der Runde sitzen neben Sabatina James, Regina Kalthegener, eine auf Opferschutz spezialisierte Rechtsanwältin, Elisabeth Koch, eine Sozialpädagogin der Mädchenzuflucht des FeM Mädchenhauses in Frankfurt, und Jürgen Tiszeker, Kriminalhauptkommissar im Hessischen Innenministerium. Nach ihren Eingangsthesen zum Thema „Zwangsverheiratung“ gefragt, antworten die Rechtsanwältin: „Zwangsverheiratung ist eine legale Vergewaltigung“, die Sozialpädagogin: „Zwangsverheiratung kommt dem Verrat an der eigenen Tochter gleich“, und der Kriminalbeamte: „Der Schutz für zwangsverheiratete Frauen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Alle Bemühungen, einen Fluchtweg aus der Zwangsverheiratung zu finden, werden durch eine Vielzahl von Umständen erschwert. Zum Beispiel dadurch, dass nur die ganz Mutigen eine Beratungsstelle aufsuchen, denn wer sich zur Wehr setzt, wird in der Familie isoliert, wer flieht, muss sich von jeglicher familiärer Bindung verabschieden. Sabatina spricht von einer Entscheidung zwischen Freiheit und Vaterliebe. Der Verlust der Familie sei unerträglich. Im letzten Moment werde dann meist eine Anzeige zurückgezogen. Kein Mädchen wolle seine Eltern anzeigen. Hier sei eine professionelle seelische Betreuung unbedingt erforderlich, um aufzuzeigen, wie es danach weitergehen könne, was Elisabeth Koch herausstellt, als sie von ihren Erfahrungen mit den zwischen 12 und 17 Jahre alten Mädchen spricht, die in die Mädchenzuflucht kommen.

Auf rechtliche Probleme weist Regina Kalthegener hin. Noch immer ist die sog. „Stellvertreterehe“ oder „Handschuhehe“ in Deutschland gültig. Zwar kann nach deutschem Recht eine Ehe nur persönlich und in Anwesenheit beider Ehepartner geschlossen werden. Das steht aber einer Anerkennung einer nach anderen Bräuchen und Rechtsregeln geschlossenen Ehe nicht entgegen, wenn sie den „am Eheschließungsort geltenden Regeln entspricht“. Schwierig ist auch die Abgrenzung der Zwangsheirat zur arrangierten Ehe, weil es letztlich der subjektiven Einschätzung der Beteiligten unterliegt, was als Zwang empfunden wird. Auch wenn der Straftatbestand der Zwangsverheiratung seit ca. einem Jahr in Deutschland rechtskräftig sei, sei dies bisher nur ein Signal, mehr noch nicht, betont die Rechtsanwältin.

Es liegt auf der Hand, unter diesen Gegebenheiten die Frage nach einer wirksamen Prävention zu stellen, zumal sich die meist verängstigten Mädchen und Frauen nicht offenbaren. Sabatina erzählt, wie unerträglich es für sie war und noch immer sei, von ihrer Familie als „Nestbeschmutzerin“ bezeichnet zu werden – ein Rufmord durch die, die sie am meisten liebe. Sie wünsche sich sehnlich, dass ihre Familie wieder Frieden mit ihr schließe.

Auf jeden Fall muss schon in den Schulen frühzeitig aufgeklärt werden. Lehrer müssen jede Auffälligkeit den Fach- oder Frauenberatungsstellen melden, die dann sensibel die psychologische und seelsorgerliche Beratung übernehmen. Wir alle sind aufgerufen, hin- und nicht wegzusehen – ganz im Sinne von „advocacy“, das für Zonta ein wichtiger Leitgedanke ist. Das Opferschutzprogramm muss frühzeitig anlaufen. Sabatina selbst steht seit 2006 im Opferschutzprogramm, nachdem im Jahre 2001 ein Todesurteil (Fatwa) gegen sie gesprochen wurde; von ihrer eigenen Familie.

Gute Ergebnisse zeigt nach Aussage von Jürgen Tiszeker das schon seit einigen Jahren existierende „Netzwerk gegen Gewalt“, welches Gewaltprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht. Darin kooperieren alle in der Gewaltprävention tätigen Behörden, Institutionen, Vereine, Verbände und Initiativen. Regina Kalthegener wünscht sich mehr Schutz im konkreten Fall – Stichwort: Zeugenschutz – und auch mehr Pragmatismus über die Grenzen der Bundesländer hinweg. Große Hoffnung liegt jetzt auf dem bundesweiten Hilfstelefon „Gewalt gegen Frauen“, das 2013 starten soll – rund um die Uhr und mehrsprachig, wo Mädchen und Frauen anrufen können, wenn ihnen Gewalt oder Zwangsverheiratung droht.

Sabatina hat 2006 den Verein Sabatina e.V. gegründet, um Betroffenen Hilfe anzubieten. Er leistet eine breit gefächerte Aufklärungs- und Schulungsarbeit und kooperiert mit Schulen, Jugendämtern, Frauenhäusern und dem „Weißen Ring“. Bedrohte Mädchen und Frauen finden über den Verein eine vorübergehende wie auch dauerhafte Unterkunft in Schutzeinrichtungen, eine anonyme medizinische Versorgung sowie eine 24-Stunden-Notruf-Zentrale – kurzum: Schutz vor ihren gewalttätigen Angehörigen und Begleitung auf dem langen Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Zum Schluss können nur noch einige wenige Fragen aus dem Publikum beantwortet werden, da die angesetzte Zeit schon überschritten ist. Solche nach der Rolle des Islam werden an diesem Abend bewusst ausgeklammert, weil Zonta überkonfessionell arbeitet und daher bei unserer Veranstaltung gegen Zwangsverheiratung keine Religionsdebatte ausgelöst werden sollte. Bei Wein und Brezeln klingt der Abend allmählich aus in dem Bewusstsein, wie wichtig die Arbeit von Zonta ist in dem Bemühen, bedrohten Mädchen und Frauen zu helfen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben – durch „Service and Advocacy“, wie es in unserer Zielsetzung heißt, durch materielle und finanzielle Unterstützung einerseits sowie Fürsprache und wirksames öffentliches Eintreten für die Frauenrechte andererseits – sowie an diesem Abend.

Wir danken allen Mitwirkenden und Sponsoren sehr herzlich und freuen uns, dass wir nach diesem Abend 4.000 Euro an den Verein Sabatina e.V. übergeben können.

Hintergrund: Sabatina James (ihr Pseudonym seit 2003) wurde 1982 in Pakistan in einer traditionell muslimischen Familie als eines von vier Kindern geboren. Der Großvater war Mullah. Als Sabatina 10 Jahre alt war, ging der Vater als Gastarbeiter nach Österreich und holte die Familie nach. Sabatina integrierte sich schnell in die neue Kultur, sehr zum Kummer der Eltern, die die Tochter schon nach der Geburt einem gleichaltrigen Cousin als Ehefrau versprochen hatten.

Als 17-Jährige wurde Sabatina nach Pakistan zur künftigen Schwiegermutter geschickt und musste ein halbes Jahr lang eine Madrassa, eine Koranschule für Mädchen, besuchen. Für Sabatina war es "die Hölle". Ihr Widerstand wurde gebrochen und sie willigte schließlich zum Schein in die Heirat ein, um so wieder nach Linz reisen zu können. Dort flüchtete sie umgehend in eine Notschlafstelle für Jugendliche. Um der Zwangsehe oder "Handschuhehe" zu entkommen, ging Sabatina dann nach Deutschland, wo sie seit 2006 in einem Opferschutzprogramm lebt und arbeitet. 2003 konvertierte sie zum katholischen Glauben.

Der Weg in die (Glaubens-)Freiheit und Selbstbestimmung ist verbunden mit der Trennung von der Herkunftsfamilie, die das Todesurteil über sie ausgesprochen hat, und der ständigen Bedrohung durch Angriffe seitens islamistischer Kreise. Sie wurde krank darüber, bulimisch, und suchte Rat bei einer Therapeutin. Sabatina ist zu regelmäßigen Wohnungswechseln gezwungen. Sie taucht auf und dann wieder schnell unter und steht permanent unter Personenschutz.

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